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Nachrichten : Kultur : Debatte
18.08.2000

 
Gen-Technologie
 
 
Der neue Mensch ist doch der alte
 
Erbgut-Manipulation und Maschinen-Träume: Wo die Chancen liegen, wo die Chimären lauern
 
Jens Reich
 
Gegenwärtig durchläuft die deutschen Medien - ganz anders als in den USA oder sonst in Europa - eine Welle panischer Verzückung. Computertechnik, Gentechnik und Nanotechnik werden uns eine unglaubliche Schwindelfahrt in eine Zukunft erleben lassen, an deren Ende wir Menschen zur Maschine, die Maschinen zu menschlichen Chimären schen werden und die Omega-Phantasien des Pater Teilhard de Chardin aus den fünfziger Jahren zur Wirklichkeit.

Es lohnt vielleicht, sich auf die Erfahrungen zu besinnen und eine Meta-Analyse vorzunehmen. Die jeweils neueste Welle von Zukunftsfantasie kommt langsam heran, sie wird groß, sie schlägt über uns zusammen, wir werden umgerissen, stehen danach auf und sehen nur den langen Wellenrücken, flaches Wasser. Nur ein Sog zieht uns in die der Welle entgegengesetzte Richtung - sanft, unwiderstehlich: Es ist wieder die Vergangenheit, die unser Bewusstsein beherrscht. Vor fast 200 Jahren gab es so eine Woge: Die Romantiker wetteiferten um die reichsten Fantasiegebilde, und es ist schwer zu sagen, wem der Siegespreis gebührt. Zu den Kandidaten zählt zweifellos Mary Shelley mit ihrem "Frankenstein" von 1818, dem Roman der wildgewordenen Anthropotechnik, jener biotechnologischen Spottgeburt, die dem Erfinder entrann und später auch zum filmischen Schreckgespenst wurde.

Aus Fantasten werden Futurologen

Die Visionen, die nach Mary Shelley kamen, waren zumeist sachlicher. Das 20. Jahrhundert brachte die kalten Fantasien hervor, die Roboter Karel Capeks, die schöne neue Welt Aldous Huxleys, die skurrilen Fremdheiten Arthur Clarkes, die intelligenten Spinnereien Stanislav Lems.

Ähnlich abgeklärt-abstrakt sind auch die Fantasien, die gegenwärtig im Schwange sind. Bill Joy prophezeit uns den Untergang des Homo sapiens durch die Evolution der Computer und Roboter, die uns mit unserer vorsintflutlichen Körpertechnologie einfach überflüssig machen werden. Allein der umständliche Sex, gefolgt von neun Monaten durchblutungsgestauter Körperfülle als Technik der Reproduktion; dann noch der dauernde nächtliche Regenerationsbedarf, dazu die unappetitlichen Entsorgungsprobleme über den Magen-Darm-Trakt; der Kopfschmerz, die Lust auf Erholung, die explosive Ablenkung im Rausch, im Genuss, die totale Relaxation - alles ineffizient und suboptimal: Also werden wir hinweggefegt werden von höheren Intelligenzen und Potenzen, so wie wir den Neandertaler ins Nichts verdrängten.

Es gibt auch optimistische Varianten der gleichen Vision. Ray Kurzweil ("Homo sapiens") beispielsweise fühlt sich eher als Herr der Entwicklung. Es wird uns gut gehen. Unser Gehirn wird abgelesen und in Computern nachgebildet werden; unsere Sinne erfahren millionenfache Verstärkung durch angeschlossene Elektronik, und unser Körper wird nicht mehr aus dem zerfließlichen, verderblichen Material sein, mit dem wir heute vorlieb nehmen müssen. Eine Fortsetzung jahrtausendealter Ersetzungspraxis, nichts weiter: dem Gehirn halfen wir mit geschriebenen Notizen, den Sinnen mit der Brille auf der Nase, dem Körper mit Prothesen und Transplantaten. Nanocomputer werden im Inneren des Körpers die Regulation des Stoffwechsels übernehmen oder ihn ganz ersetzen. Wo die Evolution sich sperrt, wird ihr mit Keimbahn-Ingenieurskunst auf die Sprünge geholfen werden.

Wie der Fortschritt läuft

Vor einem Studium des sachlichen Hintergrunds solcher Visionen lohnt es, sich klarzumachen, wie es mit vergangenen Prophetien stand. Sie erlitten meist die Verwandlung von der Faszination zur Lächerlichkeit. In meiner Kindheit erhielt ich beim Eintritt in die Organisation der Jungen Pioniere das Buch "Wie der Mensch zum Riesen wurde", vom sowjetischen Forscher Iljin, zum Geschenk. Mir ist aus diesem Epos der Zukunftsfreude noch die Zeichnung vom Berlin des Jahres 2000 in Erinnerung: von Wolkenkratzern gesäumte Straßenschluchten, über denen hoch oben in der Luft ein gigantischer Verkehr von Flugzeugen, Hubschraubern und Zeppelinen abrollt. Die Zukunft der Energieversorgung bestand in der Vision von dem nie versiegendem Reichtum durch Kernfusion - auch heute noch ein Traum. Dazu der Aufbruch ins Weltall, Zivilisation auf fernen Planeten, die Zeitreise - heute mühen sich die Kosmonauten auf den verrotteten Raumstationen ab, und ein Atom-U-Boot krepiert mit seiner Besatzung auf dem Grund der Barentsee.

Der Motor aller technischen Zukunftsfantasien ist die monotone Extrapolation: Entwicklungslinien aus der Vergangenheit werden nahtlos in die Zukunft fortgeschrieben. Es ist das exponentielle Wachstum, dem alle neuen Techniken ebenso wie alle jungen Populationen folgen. Wie die sich von Feld zu Feld verdoppelnde und alle Grenzen sprengende Körnerzahl auf dem Schachbrett der berühmten Legende aus dem Orient wird die Menschheit in geometrischer Progression wachsen, erklärte Malthus vor 200 Jahren und sagte den Hungertod voraus, da die Lebensmitteltechnik dem nur linear folgen könne. In geometrischer Progression wachsen die Leistungen der Computer, lehrt Ray Kurzweil heute und bezeichnet die Regel als seine Wiederentdeckung des Mooreschen Gesetzes von 1965. In jedem Gärkessel wächst die Hefesuspension so, dass der Logarithmus der Zellzahl linear ansteigt, bis ... - ja bis irgend ein begrenzender Faktor diesen Anstieg abschwächt und beendet: sei es die schiere Enge im Gärgefäß, sei es der Mangel an vergärbarem Nährstoff, sei es die Vergiftung durch das Endprodukt, Alkohol. Kurzweil erwähnt diese Abschwächung der Wachstumsgeschwindigkeit nur, um sie für unwichtig zu erklären, da im Fall der einsetzenden Begrenzung einfach eine neue Flasche aufgemacht wird: Wenn die Silizium-Transistor-Technik ihre Grenze erreicht, dann geht die Computerfertigung auf neue Werkstoffe, auf weitere Miniaturisierung über; werden Moleküle zu groß sein, dann rechnen wir in Atomen oder Teilchen, vielleicht sogar Quarks.

Das Mooresche Gesetz springt auf immer neue Technologien über und entgeht damit dem Gesetz der Bremsung von Bäumen, die zu hoch wachsen. Es wird zum Glaubenssatz, der der Fantasie immer neue Flügel verleiht. Alle Schwierigkeiten, die dabei auftreten können, ökologische, technische, funktionelle - all das überspringt der explorative Gedankenflug ohne Behinderung. Kurzweil generiert Ordnung aus dem Chaos und beruft sich dazu auf die biologische Evolution. Einen Kommentar zu dem Einwand, dass Ordnung aus Chaos nur dann entsteht, wenn eine Negentropiequelle (letzten Endes das Sonnenlicht) vorhanden ist und sofort alle Ordnung zusammenfällt, wenn diese ausfällt, gibt er nicht.

Auch nicht kommentiert wird der Bedarf an "Neg-Komplexität". Es ist nämlich nicht nur die Rückkopplungs-Kontrolle durch Masse oder Mangel an Raum oder konzentrierter Energie, die ein exponentielles Wachstum bei allen Prozessen stets begrenzt und in eine Sättigungsphase überführt hat. Es ist die mit der Entwicklung von Systemen wachsende Komplexität, die aller exponentiellen und hyper-exponentiellen Fantasie eine Grenze setzt.

Auf einer heute populären Abbildung ist das vorausgesagte Wachstum der Rechenleistung (gemessen in Rechenoperationen pro Zeiteinheit) auf logarithmischer Skala aufgetragen. Um das Jahr 2020 herum wird ein handelsüblicher Personalcomputer die Rechenleistung eines menschlichen Gehirns überholen; um 2060 dann wird er die Leistung der gesamten Menschheit erreichen. Solche Schätzungen zeigen, dass die Kapazität, Aufgaben zu lösen proportional zum Produkt aus Speicherkapazität und Rechengeschwindigkeit angenommen wird. Dieses Gesetz gilt aber natürlich nur für Aufgaben, die sich massiv parallelisieren lassen. Wenn alle sechs Milliarden Menschen gleichzeitig das Ergebnis von 14 x 13 ausrechnen, dann steigt die Rechenleistung ebenfalls auf das Milliardenfache, nicht aber die Qualität des Ergebnisses. Die Sterne am Himmel zu zählen, dazu könnten sich alle Menschen zusammentun, indem jedem ein anderes Himmelseckchen zugewiesen und das Zählungsergebnis addiert wird.

Aber die Verständigung über die Aufteilung des Firmaments ist der begrenzende Faktor und nicht die Zählung selbst. Kurzweil, Joy und andere Futurologen sind beeindruckt von den Ergebnissen, die durch massive Parallelisierung von Mustererkennungsprozessen im Gehirn (etwa bei der Bildverarbeitung des Sehzentrums) oder bei der Erkennung von Schriftzeichen durch Computer erreicht wird; sie kommentieren aber kaum, wie komplexe, vieldimensionale Probleme gleichzeitig nebeneinander zu bearbeiten und danach sinnvoll zusammenzufassen sind.

Wenn's um die Gene geht

Besonders auffällig wird der Mangel an Problembewusstsein bei den Zukunftsfantasien, wenn es um die Gentechnik geht. Wer annehmen kann, dass im Körper kreisende Nanobots unseren versagenden Stoffwechsel und das Immunsystem steuern könnten, hat ein extrem reduziertes, mechanisches Bild von der Komplexität von genetischen und zellulären Prozessen und dem Integrationsgrad ihrer Selbstorganisation. Grade die Chaostheorie hat doch an relativ einfachen Modellen gezeigt, dass die Nichtlinearität von Prozessabläufen zu einer Komplexität führen kann, die jede einfache Vorhersagbarkeit und damit Steuerbarkeit sprengt. So lässt sich zwar vorhersehen, dass es Genprothesen geben wird, wenn einem Organismus eine bestimmte Information zum Ablauf eines Prozesses abhanden gekommen ist (also bei Gendefekten wie Bluterkrankheit und cystischer Fibrose, schon nicht mehr beim Typ-II-Diabetes, den Kurzweil lässig nebenbei zitiert); dass es aber höchst zweifelhaft ist, ob sich das Design unseres Organismus durch gezieltes engineering wenigstens bei ausgewählten Merkmalen verändern lässt. Zudem ist jedes evolutionäre Design auch ein Kompromiss zwischen zahlreichen Optimierungszielen, und dieser Kompromiss ist prinzipiell nicht aufhebbar. Es wäre zum Beispiel mit Sicherheit nicht zur Entwicklung von Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern gekommen, die nicht durch Blutgefäße, sondern durch Gewebssaft ernärt werden, wenn unsere Urvorfahren Wirbeltiere bereits aufrecht auf zwei Beinen gegangen wären und die Unzweckmäßigkeit gepresster Weichteilscheiben erfahren hätten - jetzt können wir nicht mehr zurück. Wir bezahlen die Aufrichtung in der Savanne, die freigewordenen Hände, den weiten Blick in die Landschaft, mit lebenslangen Rückenbeschwerden. Keine Evolution kann das ändern; es sei denn, sie schafft uns ganz ab.

Sollen wir Embryonen klonen?

Gegenwärtig hat die Gentechnik einen Konkurrenten im Rennen um die Hoheit über die Zukunft bekommen: die Zell- und Gewebetechnik. Ohne technische Brutalität soll das dem menschlichen Designer immer noch weit überlegene Potential der lebenden Materie so umprogrammiert werden, dass aus Stammzellen transplantationsfähige Ersatzzellen oder Ersatzorgane entstehen. Ich hätte nichts dagegen, dass etwa eine meiner Knochenmarks-Stammzellen überredet wird, in meinem Inneren zur dopaminliefernden Nervenzelle oder zur Insulinspenderin zu werden, wenn ich das dringend benötigte - weniger jedenfalls, als gegen die Vorstellung, solches Material von einem Embryo, einem anderen Individuum, zu erhalten. Wider die Hybris, embryonale Stammzellen und damit potenzielle Menschen speziell für Spenderzwecke herzustellen (wie es in den USA und jetzt auch in England angestrebt wird), würde ich allerdings der deutschen Wissenschaft empfehlen, den ersten Weg, mit körpereigenen Zellen, die nicht mein Klon, sondern nur ein umprogrammierbarer Teil meiner selbst sind, zu versuchen - und sich nicht durch die vielleicht schnelleren technischen Fortschritte bei Embryonen verleiten zu lassen.

Glaube und Skepsis halten sich bei der Zukunftsschau die Waage. Beide beruhen auf Erfahrungen und Annahmen, deren Gültigkeit nicht umstandslos in die Zukunft übertragen werden kann. Auch vor Jahrhunderten hat das Mooresche Gesetz schon gewirkt, und trotzdem sind die Menschen Menschen geblieben. Ich bin überzeugt, dass mein Ururenkel im Jahre 2099 trotz aller Neuerungen noch ein Mensch sein wird wie wir heute. Die Ablösung der Menschennatur durch technische Konstrukte: Das wird nicht funktionieren.

 
Der Autor ist Molekularbiologe, war Begründer des Neuen Forums und lebt als Wissenschaftler und Essayist in Berlin.
 
 
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